John Akomfrah

21. Januar 2022 Ellen Maria Essays 0 Comments

von Mathias Bär

Aufgewachsen in Ghana und London und Mitbegründer des „Black Audio Film Collective“, spricht John Akomfrah in seinen Werken davon, wie Menschen sich bewegen und bewegt werden. Die Freiheit zur Zirkulation, so Akomfrah, werde in der heutigen Gesellschaft allem außer Menschen zugestanden. Waren, Daten, Ideologien – und natürlich Bilder. Akomfrah nutzt für seine Mehrkanal-Arbeiten neu produziertes wie Archivmaterial, um jene sicht- und hörbar zu machen, die bisher unsichtbar und stumm geblieben sind.
The Nine Muses (2011) zeigt eine mythische Odyssee durch eisige, zerklüftete Natur. Surreal und allegorisch anmutende Landschaften, in denen einzelne Rückenansichten wie in einem romantischen Gemälde auftauchen, begleitet von Musik und Literaturzitaten – etwa von Milton, Homer oder Beckett – erzählen von Migration, dem Wandern von Standpunkten und Menschen, als einer transformatorischen Bewegung für Individuum wie Gesellschaft. Einer Bewegung jedoch, die ihr Wohin nicht immer kennt und nicht der Logik linearen Voranschreitens folgt. The Unfinished Conversation (2012), die biographisch Stuart Hall umkreist, deutet auf die Unabgeschlossenheit von Geschichte wie der Aufgabe gegen gesellschaftliche Diskriminierung hin.
Zustände des Transitorischen, Liminalen und der Überlagerung finden sich in assoziativen Collagen, die oft das vom Menschen Gemachte und Aufbewahrte in Gegenüberstellung mit Naturgewalten zeigen. Die Kraft der vom Menschen vorangetriebenen Geschichte – die so oft die Geschichte weniger mit Einfluss und Ressourcen bleibt – wird damit relativiert. Zugleich aber geht es darum, im Rückgriff auf Archivmaterial Zusammenhänge konkret auf der Bildfläche erscheinen zu lassen und die Vergänglichkeit an eine Sehnsucht nach dem Leben zu knüpfen: an den Impuls, sich des Schicksals zu bemächtigen und es nicht als unabänderlichen Naturgesetzen gehorchend zu begreifen. Werke wie die Trilogie Vertigo Sea (2015), Purple (2017) und Four Nocturnes (2019) konfrontieren die gefühlte Unendlichkeit mit einem wachsenden Bewusstsein über die Begrenztheit von Ressourcen und Verstricktheit von Existenzen.

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