Leung Chi Wo

15. Dezember 2021 Ellen Maria Essays 0 Comments

von Mathias Bär

Das kontinuierliche Sammeln von Archivmaterial um das Jahr 1967 der Protestbewegung in Hongkong steht im Zentrum der Arbeit Leung Chi Wos. Von hier aus entstehen fotografische Serien und kinetische Installationen, die einen Drang der Objekte und Akteure zur Bewegung auszudrücken scheinen – wenn auch eingefroren oder im Loop befindlich. Silent Music Plane 1967 (2016) lässt einen Papierflieger, gefaltet aus dem Cover des LIFE-Magazins vom 2. Juni 1967 in wechselnder Geschwindigkeit rhythmisch angepasst zu Long Life Chairman Mao und Yesterday von den Beatles um ein Stativ kreisen. Die Zeitschrift titelte damals mit der Flucht des Musikers Ma Sitson aus China, westliche Jazz- und Popmusik galt während der Unruhen als Gegenkultur zur kommunistischen Propaganda. Ohne Richtung oder erkennbaren Antrieb „tanzt“ das Flugzeug zur kaum hörbaren Musik, stetig auf dem instabilen sturen Kurs, der auch die politische Atmosphäre durchzieht.
Der Einsatz von Musik als vielsagendem Soundtrack einer Zeit, der in bestimmter Geschwindigkeit und Lautstärke zwischen Melancholie, Ironie und Motor der Gesellschaft oszilliert, ist prägend für das Werk des Künstlers. Gleich mehrere Arbeiten beschäftigen sich mit Charlie Chaplins Film A Countess from Hong Kong, dessen von Petula Clark interpretierter Titelsong, mit einem Feuerwerk endend, die zur selben Zeit in Hong Kong fallenden Bomben in Erinnerung ruft. Auch eine Nähmaschine und ein Plattenspieler werden von Leung Chi Wo zu geräuschvoll sich voranarbeitenden und doch immer wieder auf der Stelle tretenden und sich um sich selbst drehenden Allegorien einer Zeit der Gesellschaft. Eine Vintage-Nähmaschine locht in Frater (2015) zeitlupenartig eine Filmrolle mit dem Motiv künstlicher Rosen über einen Zeitraum von zehn Stunden hinweg. Solange dauerte ein Arbeitstag in der Textilfabrik in der Tai Yau Street in Kowloon, wo in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Hersteller künstlicher Blumen die Arbeitskämpfe den Beginn der anti-kolonialen Proteste markierten. Die ausrangierten und nostalgischen Geräte und Maschinen werden bei Leung Chi Wo selbst zu einer Art Archiv aufgezeichneter Klänge und Emotionen.
Gemeinsam mit Sarah Wong He was lost yesterday and we found him today (2010–14) lebensgroße Fotografien, in denen die Künstler:innen die Haltungen und Positionen anonymer Personen nachinszenieren, welche sie auf Abbildungen aus verschiedenen Printmaterialien seit 1935 gefunden haben – an den Rändern Geschichten, die diese Bilder “eigentlich erzählen”. In ihrer Recherche versuchen Wong und Wo die Rolle und Identität der Figuren zu rekonstruieren, das Ergebnis sind subjektive Geschichten, die sich irgendwo zwischen den nachverfolgbaren Ereignissen und den Assoziationen der Künstler:innen und Betrachter:innen abspielen. Vor monochrome, leuchtend farbige Hintergründe anstelle ihres ursprünglichen Kontextes gesetzt, wirken die Personen in Rückenansicht zwar “gesichtslos”, holen jedoch zugleich mit ins Bild hinein, als forderten sie auf, ihnen zu folgen, auf dem Weg zwischen den vergangenen Ereignis hin zu einem Ort und Zustand, der noch kommt.

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