17 Mai
17. Mai 2017

Angst, Natur und andere Zustände


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Es ist ein sonniger Tag, es duftet nach gerösteter Focaccia, nach starkem Espresso, und es gibt genug Kunst, um sich guten Gewissens damit abzufinden, dass man sowieso nicht alles sehen kann. Eine Reisegruppe außerirdischer Reptilien befindet sich gerade auf einer Segway-Shopping-Tour, während einige ihrer Kollegen von buddhistischen Mönchen im Meditieren unterwiesen werden und die letzten Yetis inbrünstig gegen CO2-Emissionen protestieren. All das geschieht in wohlgeordneter Betriebsamkeit. Auf tiefschwarz polierten Tafeln, die an Comic-Panels ebenso wie an Maya-Friese erinnern, zeigt Miķelis Fišers im lettischen Pavillon eine beeindruckende Reihe abscheulich-faszinierender Szenarien. Die Gravuren könnten rätselhafte Dokumente aus der Vergangenheit oder Prophezeiungen für eine – vielleicht sogar irgendwie hoffnungsvolle – Zukunft sein: Sollten sich die Verschwörungstheorien bestätigen und die Herrschaft über die Welt und damit auch die Kunstausstellungen dieser Erde bald tatsächlich in den Händen gestaltwandlerischer reptiloider Aliens liegen – es könnte zumindest einen Neuanfang bedeuten.

03 Mai
3. Mai 2017

Housing Plans for Water Melons


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„Umweht von Größe. Olympiasieger, Weltmeister, Weltrekordler: Zehnkämpfer Ashton Keaton hat kein Ziel mehr und beendet seine Karriere.“ Mit dieser wenig erbaulichen Meldung konfrontiert uns ein aufgeschlagenes Zeitungsblatt, das am Fenster des Kunstvereins klebt. Von außen scheint die Sonne gegen die Scheibe. Eine weitere Artikelüberschrift berichtet von einem Streit über die Übertragungsrechte eines Sportereignisses. Auf weiteren Blättern der Serie In the Shadow we put together a House (2017) an der gegenüberliegenden Wand erzählen Architekten und Designer von ihrer Beziehung zum Bauhaus, Hochschulen für angewandte Wissenschaften schreiben Professuren und Dozenturen in „Smart Energy“ oder „Katastrophenschutz“ aus, ein mit „Trost der Nacht“ überschriebener Artikel befasst sich mit Adam Elsheimers Gemälde „Flucht aus Ägypten“, ein weiterer mit entfernten Planeten und dem Sonnensystem. In jedes dieser Blätter ist ein kleines Loch oder Fenster geschnitten, das bei näherem Hinsehen als Silhouette eines kleinen, zum Dach gefalteten Zeitungsblatt zu erkennen ist.

10 Aug
10. August 2016

Zwischen den Bühnen


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Im Kopf schwebt eine leere Sprechblase. Nicht zu groß, nicht zu klein, sondern gerade recht, um vielsagendes Schweigen zu verbreiten. Eine weitere Sprechblase in der Zeichnung von Michael Franz wagt sich ins Freie, sie verlässt den Kopf – doch auch sie bleibt leer. Ob die fehlenden Worte als Ohnmachtsdemonstration eines auf Inspiration wartenden Künstlers gedacht sind oder als selbstbewusste Behauptung gegen die ständige Pflicht des Individuums, interessante, kluge und originelle Äußerungen von sich zu geben, bleibt offen.
Für seine Ausstellung compromise in der Kölner Simultanhalle hat Michael Franz eine ganze Reihe solcher Zeichnungen in Vektorgrafiken transformiert, stark vergrößert geprintet und auf Leinwände kaschiert. Die kleinen Falten und Wellen der gescannten A4-Zeichnungen behalten dabei ihre Präsenz bzw. steigern sie sogar noch weiter. Die Arbeiten tun immer noch so, als wären sie leicht zu zerknittern und spielen kokett mit ihrer Reproduzierbarkeit.

23 Mai
23. Mai 2015

Kunst als Fremdsprache


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Pepto-Bismol ist pink, weil es hübsch aussieht. Und Pepto-Bismol ist pink, weil es sonst nicht Pepto-Bismol wäre. Pink ist nämlich auch das Vertrauen in Pepto-Bismol, ein rezeptfrei in den USA erhältliches Arzneimittel gegen Durchfall, Völlegefühl und alles, was einen sonst im Bauch grimmt. Wäre Pepto-Bismol nicht pink, wäre dies wohl als unerwünschte Nebenwirkung in der Packungsbeilage zu verzeichnen.
Cody Choi (*1961, Seoul) floh 1983 in die USA und gibt an, in diesem Zuge unter Magenproblemen gelitten zu haben. Durch Beimischung der pinkfarbenen Arznei in sein Material scheint er zu versuchen, prophylaktisch seine Verdauung westlicher Kunst zu unterstützen.